„Das Maß aller Dinge sei der Gott.
Erst an diesem absoluten Maßstab wird der
Mensch bescheiden und human.“
(Platon)
Es hatte den Anschein, als wiche die Fassade des Allgemeinen Krankenhauses wie von selbst zurück, je weiter er sich von ihr entfernte. Mit jedem Schritt, mit dem er sich zaghaft vom großen Rund des Eingangs wegbewegte, der einem schäbigen Tunnel mit bröckelndem Anstrich glich und vermuten ließ, dass sich dahinter eher eine brachliegende Halde verbarg, die nirgendwohin führte, denn eine Universitätsklinik, die ihn wie einen Aussätzigen ausspie, hoffte er, dieses Gebäude zum Verschwinden zu bringen. Doch es stand, wann immer er sich umwandte, unverrückbar, wie in Stein gemeißelt da. Zwar wurden die Umrisse mit der Entfernung immer undeutlicher ausnehmbar, verschwammen mit den benachbarten Fassaden. Als endlich der erlösende Moment eintrat, der letzte Schritt, der auf dem Gehsteig den Punkt markierte, an dem er selbst mit der größten Anstrengung versuchte, den Blick entlang der stark befahrenen Straße mit den dicht aneinandergereihten Autos, der klingelnden Straßenbahn, die sich in der Mitte der Fahrbahn durchdrängte, und den Passanten, die ihn wie eine Insel umspülten, zurückzutreiben, schlug ihm nur mehr ein einheitliches Grau - in - Grau entgegen, das mit dem trüben Tag liebäugelte. Ein Stich durchzuckte sein Herz. Er schlang die Arme um den Leib, krümmte und bäumte sich auf. Der Schrei erstickte, hallte in seinem Ohr wider. Die Stätte, an der man den Stab über ihm gebrochen hatte, war aus seinem Blickfeld verschwunden, der Schmerz war geblieben. Jedes Wort des Arztes hämmerte in seinem Gedächtnis. Die Diagnose glühte, verbrannte seinen Leib, der, so hieß es, nicht mehr zu retten war. Nie mehr würde er einen Fuß an diesen Ort setzen, durch diese Röhre kriechen, in weit verzweigten Höfen wie Labyrinthen herumirren, endlose Gänge abschreiten, um schließlich in einem schäbigen Zimmer wie in einer Abstellkammer dahinzuvegetieren. Sie hatten ihn aufgeschnitten, wieder zugemacht, die Köpfe geschüttelt und entlassen. Drei Monate. Stillstand in der Zeit. Unheilbar.
Schon lange hatte er an immer wiederkehrenden, undefinierbaren Schmerzen gelitten, denen er überhaupt keine Bedeutung beigemessen hatte, zumal sie, so wie sie gekommen, auch wieder verschwunden waren. Da sie seinen Alltag, seine Arbeit kaum beeinträchtigten, konnte er einfach darüber hinweggehen. Nie vermutete er das Schlimmste, wenn er sich schlecht fühlte. Gesundheit war etwas Selbstverständliches für ihn. Sein ganzes Dasein war erfüllt von seinem Denken, seiner Philosophie. Er hatte einen Lehrstuhl inne. Die Tage waren voll und schön und heiter.
Dann legte man die Axt an den Baum. Der Schmerz spaltete seinen Leib, fällte ihn.
Ulrich B. richtete sich in der immer dichter werdenden Menschenmenge, die ihn enger und enger umstand, auf. Zwischen den hängenden Schultern reckte sich der Kopf wie der einer Schildkröte. Seine Gestalt war hager. Es drückte, kratzte etwas im Nacken. Wird wohl der Kragen des Mantels sein, dachte er verwundert. Nachdem der Primar aufgestanden und hinter seinem Schreibtisch hervorgekommen war, um ihm die Hand zu drücken, hatte er wie benommen den Trenchcoat vom Kleiderhaken neben der Tür genommen und vor sich hergetragen. So weit konnte er sich noch erinnern. Irgendwann, auf seinem Weg nach draußen, hatte er ihn wohl angezogen, sich in ihn hineingezwängt. Nun versuchte er umständlich den Kragen zu richten und aufzustellen, den Mantel zuzumachen. Es nieselte und die Feuchtigkeit, die sich auf dem Pflaster spiegelte, die schwarzen Steine mit Glanz überzog, kroch durch die dünnen Schuhsohlen. Die Straßenbeleuchtung flackerte. Seine Hände wurden klamm. Er versuchte den Druck, den Händedruck, abzustreifen. Es gelang nicht. Er spürte die Finger des Arztes, die zudrückten und die der anderen Hand, die sich auf die gedrückte legten, sie einbetteten. Gut gemeint!
Ulrich B. hob, so gefesselt, den gesenkten Blick und suchte in Gedanken die Augen seines Gegenübers. Er fand sie nicht. Die Lider zuckten, die nächsten Patienten warteten, das Telefon läutete. Die atemlose Stille, die ihn inmitten dieser zitternden Ruhe, die der Arzt ausstrahlte, umfing, raubte ihm beinahe die Sinne.
„Was ist geschehen?“ Er schaute auf die sorgfältig gewachsten und polierten Schuhspitzen und konnte sich kaum erinnern, wie er bis hierher gelangt war. Passanten stießen ihn an, rannten in ihn hinein, schimpften und schubsten ihn. Er möge doch weitergehen, er stehe im Weg. Nichts von dem Lärm und dem Getriebe der abendlichen Stoßzeit konnte ihm, dem Verlorenen, etwas anhaben, in diese Stille, die ihn bekleidete, eindringen. Drei Monate. Noch drei lange Monate. Wie sie bewohnen? Ulrich B. hörte die Worte des Arztes immer wieder. Wie eine Hintergrundmelodie, die sich nicht abstellen ließ, tönten sie in seinen Ohren, berieselten ihn, schwollen zu dröhnendem Geräusch an, zu Getöse, das seinen Leib zu sprengen drohte. Er begriff das Gesagte nicht, es ließ sich nicht verstehen. Für Sekunden war ihm, als hätte er inmitten der Menge das Bewusstsein verloren. Als schwankte er. Wo sich festhalten? Mit den Armen rudernd versuchte er das Gleichgewicht nicht zu verlieren und fuhr sich durch die grau melierten dichten Haare, fasste hinein, spürte seine Kraft. Zu seinen Füßen stand eine Tasche, die er als die seine identifizierte. Das also war sie, die Schwelle zum Tod. Ein Auto hupte. Erschrocken wich er zurück, sprang zur Seite, landete wieder auf dem Gehsteig, an seinem Platz. Wie war er nur auf die Fahrbahn geraten? Er hob seine Tasche auf, umklammerte den Henkel, winkte einem Taxi und änderte zum Leidwesen des Fahrers mehrmals sein Ziel. Letztendlich hielt er doch bei der Universität. Langsam stieg er die Stufen empor. Der Abendbetrieb war in vollem Gange. Die Dunkelheit täuschte im Herbst. Aber es war noch nicht spät. Der Portier grüßte, Kollegen fragten vorbeieilend nach seinem Befinden, kaum einer blieb stehen, wartete die Antwort ab. Als er endlich in seinem Büro angelangt war und diesen Spießrutenlauf an Freundlichkeiten hinter sich lassen konnte, ließ er sich in einen Polstersessel fallen, schloss die Augen und wachte und schlief und träumte, bis der Morgen graute. Frierend, hungrig und schweißgebadet versuchte er mit schmerzenden Gliedern aufzustehen. So vieles, dachte er, müsse noch geregelt werden. Nein, es gab nichts mehr zu regeln. Die drei Monate regelten alles von selbst. Er schleppte sich zum Schreibtisch und strich zärtlich über einen handschriftlich mit Tinte verfassten Text, den er kurz vor der Einlieferung in das Spital noch geschrieben hatte; die Einleitung zu seinem neuen Buch über den „Namen Gottes“. Er hob das Blatt auf, las die ersten Zeilen und ein Lächeln huschte über sein Gesicht, färbte es rosig und spannte die Haut über den eingefallenen Wangen. Ein Leuchten erweckte den Geist. Er setzte sich, tastete nach der Feder und begann Anmerkungen zu notieren, so vertieft, so innig, dass er den schneidenden Schmerz erst spürte, als ihm der Füllhalter aus der Hand fiel. Es war taghell. Knarrend öffnete sich die Tür, er hatte das Klopfen offenbar überhört. Die Sekretärin veranlasste das Nötigste. Sie verabreichte ihm die Medikamente, die er bei sich trug, um die Schmerzen zu lindern, wie der Arzt sagte. Man brachte ihn nach Hause und bettete ihn auf das Sofa in seinem Arbeitszimmer. Er ließ den Blick durch den Raum schweifen, verweilte an den verrußten Ecken, dort, wo die Wände, die über ein Jahrzehnt nicht gestrichen worden waren, zusammenstießen, glitt von Buchrücken zu Buchrücken, die dicht aneinander gedrängt die Regale füllten und sich auf dem Boden stapelten, kaum mehr eine Stelle auf dem Teppich war frei geblieben. Es roch nach Staub, vergilbtem Papier und würzigem Tabak. Auf einem Tischchen lagen die Pfeifen. Die Erschöpfung hatte all seine Glieder lahmgelegt, er konnte nicht einmal mehr die Hand heben, geschweige denn den Kopf oder auch nur ein Wort sagen. Im Vorzimmer wurde leise getuschelt, ein Zischen drang durch den Türspalt, der offen geblieben war. Die Sekretärin unterhielt sich mit der Haushälterin, die eben eingetroffen war, noch außer Atem und in abgehackten Sätzen immer wieder bekräftigte, dass sie sich um den Professor kümmern werde. Nötigenfalls könne sie auch in das Gästezimmer ziehen. „Es dauert ja nicht mehr lange“, hörte er sie flüstern. „Drei Monate vergehen schnell“, seufzte die Haushälterin. Die Sekretärin zog die Schultern hoch, hielt kurz die Luft an, sah betreten zu Boden und verabschiedete sich. Das Knarren ihrer Schritte auf dem rissigen Parkett klang nach. Sie blieb mit dem schmalen Bleistiftabsatz an einer brüchigen Stelle hängen, beinahe hätte sie sich den Knöchel verstaucht. Sie erschrak, es wäre nicht das erste Mal, dass sie sich auf diese Art und Weise eine Bänderzerrung zuzog. Die Tür fiel ins Schloss. Ulrich B. war ein Gefangener seines Leibes, der von ihm abfallen oder aus dem er heraustreten würde, der seine absolute und ausschließliche Aufmerksamkeit forderte. Er war sein Leib, wie sollte er sich von sich selbst trennen? Aber nicht eigentlich der Leib forderte seinen Tribut.
Grau wie der vergangene stand auch dieser Tag vor seinen Fenstern. Die Haushälterin lugte von Zeit zu Zeit zur Tür herein, schlich auf Zehenspitzen an sein Lager heran und wandte sich wieder ab. Er regte sich nicht. Am nächsten Morgen stand er auf, nahm ein Bad, kleidete sich an und ging in die Küche. Er hatte kaum Schmerzen. Die Medikamente wirkten. Er fühlte sich durchaus schwach und doch strebte alles in ihm danach zu arbeiten. Er frühstückte. Der Tee dampfte. Die Haushälterin hantierte mit Kochtöpfen und Geschirr, klapperte mit den Tellern und versuchte ihn zaghaft anzulächeln. Zwischen ihm und ihr standen die drei Monate. Seine drei Monate. Während er das Ei aufschlug, kam ihm der Strich, die Grenze, die der Arzt gestern unter sein Leben gezogen hatte, so deutlich zu Bewusstsein, wurde sichtbar. Mit jedem Tag würde sie näher und näher rücken. Ulrich B. aß mit einem ihn selbst verwundernden Appetit und durchaus auch mit Genuss. Ein kleiner Spaziergang würde ihm jetzt gut tun. Die Haushälterin zeigte sich besorgt. Er wolle nur durch den Park gehen, auf die andere Seite und in der Apotheke die Medikamente besorgen, denn die dürften nicht ausgehen, die waren, bis die Grenze erreicht war, sein Lebenselixier. Im Vorzimmer nahm er den dunklen Trenchcoat vom Kleiderbügel. Die Glut sprang aus allen Fasern, griff auf ihn über und loderte auf. Er ließ den Mantel fallen, rief die Haushälterin und bat sie, das elegante Kleidungsstück in den Müll zu werfen. Sie schaute ihn verwundert an und riss fragend die Augen auf. „Tun Sie es einfach“, sagte er leise und bestimmt. Er zog eine Jacke an, eine unverbrauchte, eine, an der sich nichts entzündete und verließ die Wohnung. Mit hängenden Schultern, die Hände in den Taschen, schlenderte er durch den Park. Zwischen den Bäumen, die ihre kahlen Äste in den Himmel reckten, breiteten sich auf weichem Grund braune abgetretene Flecken Rasen aus. Die Krähen rauschten vorüber und auf der trüben Wasserfläche zogen Enten ihre Kreise, die Ufer waren mit Taubenkot beschmutzt. Auf einer Parkbank schlief ein Obdachloser in Fetzen eingewickelt. Ulrich B. schaute in den Himmel, der sich tief herabsenkte und sich zu ihm niederbeugte, verhangen mit Nebel und Regen, bereit ihn emporzuziehen. Immer schneller wurde sein Schritt, bis er beinahe laufend den Parkrand erreichte und zwischen den Kastanienbäumen hindurch auf die Fahrbahn schlüpfte. Keuchend überquerte er die dreispurige Straße, wand sich geschickt an den Autos vorbei und betrat die überfüllte Apotheke. Die Menschen drängten sich in dem kleinen Verkaufsraum mit der antiquiert anmutenden Einrichtung. Ulrich B. reihte sich ein. Seine Kleider dampften. Die Ausdünstungen der schnupfenden und niesenden Kundschaft überlagerten den Geruch von Eukalyptus, altem Holz und Verkäufern in weiß gestärkten Mänteln, die emsig hinter dem Ladentisch hin und her liefen. Der gekachelte Boden war zersprungen, gerissen und abgetreten. Ulrich B. suchte in seinen Jackentaschen nach dem Rezept und zog es schließlich – gänzlich zerknüllt – heraus. Er versuchte es zu glätten. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er den Arzt gar nicht gefragt hatte, was das denn für Mittel seien. Einerlei, durchzuckte es ihn. Die drei Monate fielen wieder bleischwer in sein Gedächtnis, krallten sich dort fest und drückten ihn zu Boden. Wie gelähmt starrte er auf die zerbrochenen Fliesen und auf das zerknitterte Stück Papier in seiner Hand. Als er an die Reihe kam, war er der einzige Kunde. Die Menge hatte sich zerstreut, so rasch wie sie sich zusammengerottet hatte. Ulrich B. empfand den Raum zu seiner Überraschung nun leer und groß. Er legte etwas unbeholfen, ein wenig verlegen nochmals über das Papier streifend, sein Rezept auf den Ladentisch. Die Apothekerin sah in kurz, ernst und durchdringend an. Sie ging nach rückwärts, verschwand in den dunklen Labyrinthen eines wohl geordneten Medikamentenlagers, aus dem sich unvermutet eine Gestalt löste, Kontur annahm und nach vorne trat. Ein kleiner Mann unbestimmten Alters mit streng nach hinten gekämmten weiß glänzenden Haaren, eine eher unauffällige Erscheinung in grauem Anzug sprach ihn mit leiser Stimme an. Professor B. konnte vorerst nur ein Säuseln vernehmen, das an sein Ohr drang, Laute, die so gehaucht, keinen Sinn für ihn ergaben. Er fühlte sich auch keineswegs angesprochen. Der Unbekannte beugte sich über den Ladentisch, deutete ihm, er möge doch näher kommen. Winkte ihn, der nicht wirklich begriff, dass er gemeint war, herbei. Aber Ulrich B. rührte sich nicht von der Stelle. Das Flüstern steigerte sich, ein deutlich hörbares Wort löste sich aus dem undefinierbaren Raunen: „heilen“. Erst jetzt bemerkte er, dass die Person hinter dem Ladentisch, mit der gefurchten Stirn und den schmalen Lippen, auf ihn einredete, ihn an sich zog, die feingliedrigen Hände nach ihm ausstreckte. „Ich kann Sie heilen!“ Da war sie wieder diese Stimme, die sich sanft an ihn schmiegte, seine glühenden Wangen streifte, Kühlung versprach und Leben. Welche Verheißung wurde ihm da zugesprochen? Wer konnte es wagen, ihm das zuzusagen? Welche Stimme flüsterte, lockte, verführte auf so dreiste Weise? Aus welchem Abgrund rief sie ihm zu? Er tastete irritiert nach seiner Geldbörse, da er die Apothekerin von weitem wieder auftauchen sah. Sie legte mehrere Schachteln mit Medikamenten vor ihn hin und erklärte ihm, wie er sie einzunehmen habe. Sein Blick verdüsterte sich, ein leichter Schwindel befiel ihn. Der grau gekleidete Mann trat in den Schatten zurück, war kaum noch zu sehen. Gestärkte Wäsche und Gewürznelken stachen ihm in die Nase. Er musste niesen. Der Raum begann sich wieder zu füllen. Die Tür öffnete und schloss sich, mit dem Luftzug strömten die Menschen herein. Der Ruf war verhallt. Ulrich B. bezahlte und griff nach dem Sack mit den Medikamenten. „Alles Gute und auf Wiedersehen“, sagte die Apothekerin und reichte ihm zum Abschied die Hand. Er drückte sie flüchtig und sah sich nochmals um, blickte in den Schlund hinein. Niemand trat hervor. Sein Herz krampfte sich zusammen. Die Kirchenglocken läuteten in der Ferne. Wie angewurzelt blieb er vor dem Ladentisch stehen, als suchte er etwas, wartete auf jemanden. Aber nichts regte sich mehr im Dunklen. Lediglich weiß gekleidete Apothekerinnen kamen und gingen. Schließlich wurde er von einer freundlichen Dame mit aufgesteckten rotblonden Haaren gebeten, Platz zu machen. Er wandte sich um, nickte, stammelte eine Entschuldigung und ging langsam, sich nochmals umwendend, zur Tür. Sie schloss sich hinter ihm. Der Himmel klarte auf. Die Luft war frischer. Ulrich war so erschöpft, dass er sich kaum noch auf den Beinen halten konnte und winkte nach einem Taxi. Er spürte jede Faser seines Körpers. Beinahe wäre er der Haushälterin, die ihm die Tür öffnete, in die Arme gefallen, so zittrig waren seine Beine. Der Sack fiel zu Boden. Dieser Spaziergang hatte ihn so mitgenommen, dass er sich in sein Arbeitszimmer schleppte und nach Atem ringend auf das Sofa fiel. Als der Leidende versorgt war, sammelte die Haushälterin die Medikamente ein und breitete sie auf dem Küchentisch aus, dabei fielen ihr ein Name und eine Telefonnummer auf, die hastig auf eine der Schachteln geschrieben worden waren. Die Schrift zog sie in ihren Bann und während sie über den Flur ging, um dem Professor das Päckchen zu bringen, drehte sie es unentwegt hin und her, als wollte ihr der Name etwas sagen, als brannte er. Ulrich B. lächelte, als er die Zeichen sah. Seine Züge entspannten sich, der Atem wurde gleichmäßig und der Druck im Leib schwächer. Die Stimme war ihm nachgegangen, hatte ihn eingeholt. Er hielt sich an der Schachtel fest und schlief tief und fest ein. Als er erwachte, war es später Nachmittag und bereits wieder so dunkel, dass die Lampen angedreht werden mussten. Er wählte die Nummer. Am anderen Ende der Leitung ein vertrauter Ton. Sie verabredeten sich mit wenigen Worten für den nächsten Tag. Der Professor würde den geheimnisvollen Unbekannten aufsuchen, der behauptete, ihn heilen zu können. Mit welcher Sicherheit dieser Mensch das von sich sagte. Er ließ keinen Zweifel daran. Die Schulmedizin war zu einem vernichtenden Befund gekommen. Es gab keine Heilung für ihn. Das Geschwür in seinem Leib hatte ihn beinahe so zerfressen, dass man nicht einmal den Versuch einer Therapie machte. Was nahm sich dieser Fremde heraus? Welche Anmaßung.
Weshalb ließ er sich denn darauf ein? Aber eigentlich stellte sich diese Frage nicht mehr. Es war längst entschieden, dass er diesen vermeintlichen Arzt aufsuchen würde. Er hatte jedes Gefühl für Zeit verloren, selbst die drei Monate waren eine für ihn nicht greifbare Spanne. Er lebte. Die Schmerzen waren dank der Medikamente erträglich. Wie sollte er sich vorstellen, nicht mehr zu sein? Nicht die Aussicht auf Heilung zog ihn zu dem Unbekannten hin. Er klammerte sich nicht an diesen Strohhalm einer möglicherweise falschen Hoffnung. Er würde nie nach alternativen Methoden suchen oder sich Heilern anvertrauen. Was ihn antrieb, diesen Menschen aufzusuchen, war die Person selbst, die aus dem Dunklen aufgetaucht, erschienen war, Gestalt angenommen hatte, sich über den Ladentisch gebeugt, ihn angerufen hatte und wieder zurückgewichen war. In diesem Augenblick der Begegnung war die Entscheidung bereits gefallen. Er folgte lediglich einer Spur, die längst gezogen war.
Am nächsten Morgen kleidete er sich sehr sorgfältig an. Er trug einen dunklen Anzug mit Krawatte und an den Handgelenken blitzten elegante Manschettenknöpfe. Die Haushälterin staunte über sein Aussehen. Er selbst bemerkte bereits beim Blick in den Spiegel, dass die tiefen Schatten unter den Augen verschwunden waren, die Wangen voller wirkten und die Gesichtsfarbe frischer. Die Krankheit blieb unsichtbar. Seine blauen Augen, aus denen die Farbe gewichen war, strahlten. Als Ulrich B. sich im Fond des Taxis zurücklehnte und die Fahrt kein Ende nehmen wollte, da sie sich scheinbar im Kreis zu drehen begannen, immer wieder an denselben Stellen vorbeikamen, beschlichen ihn zum ersten Mal Zweifel, ob diese Person tatsächlich existierte oder er lediglich halluzinierte und es die Adresse, die der Taxilenker suchte, möglicherweise gar nicht gab. Schließlich bog der Wagen in eine schmale, abschüssige kurze Straße ein, an der nur einige Häuser inmitten großer Gärten standen. Vor einem zweistöckigen Biedermeierhaus mit gelbem Anstrich stieg Ulrich B. aus. Er öffnete die Gartenpforte, war mit wenigen Schritten an der Tür und bevor er noch die Klingel drücken konnte, ging sie auf. Er wurde also bereits erwartet, obwohl