Im Spiegel

Eine Erzählung aus dem Band Der Ring

Von

„Die Zeit, in der das Gefallen, Like, vorherrscht, ist … eine Zeit ohne Eros, ohne Schönheit.“
(Byung-Chul Han, Errettung des Schönen)

Gleißendes Sonnenlicht fiel in das Ankleidezimmer, als sie die dichten Vorhänge auseinander schob. Die hohen, makellosen Glasscheiben schlierten an manchen Stellen. Antonia lächelte und dachte daran, dass ihr Mann unter allen Putzfrauen die beste ausgesucht hatte, eine, die jedes Stäubchen sah, noch bevor es sich niederlassen konnte. Dieser Hauch von Unsauberkeit, der die Scheibe beinahe unmerklich überzog, war eine Wohltat. Antonia strich vorsichtig mit den Fingern über diese Streifen, die durch das Licht so gnadenlos zum Vorschein kamen. Dann öffnete sie ein Fenster. Es war früh am Morgen und die Luft roch so frisch, bevor die Hitze des Tages sie füllte und dumpf und schwer werden ließ. Wind störte die Blätter in der Allee auf. Sie seufzte. „Ob die Zelle wohl sonnig ist?“, kam es ihr in den Sinn. Ihr Blick schweifte über den weitläufigen Rasen, so als wollte sie eine Erinnerung in das Gedächtnis einprägen – für dunkle Zeiten. Der Garten war ganz nach ihren Wünschen angelegt worden. Gerne ruhte sie auf dem bloßen Boden unter Bäumen, den Geruch von Erde in der Nase. Stundenlang stand sie am Weiher und starrte ins Wasser, in der Hoffnung, dass die spiegelglatte Oberfläche ihr das Antlitz zurückgeben würde. Aber das, was sie sah, war lediglich Maske, eine Fratze, von der sie nicht mehr so genau wusste, wie sie die ihre geworden war. In blinder Wut kratzte sie sich manchmal mit spitzen Fingernägeln die Haut auf, bis das Blut die Wangen mit feinen Rinnsalen überzog. Ihr Mann, der berühmte Schönheitschirurg, wischte es sanft ab, flüsterte Zärtlichkeiten, reparierte die Spuren der Verwüstung und glättete die Haut. Sie war wieder wie neu. Nicht eine Narbe blieb. Er war ein wahrer Meister seines Faches. Nahezu aus der ganzen Welt kamen die Frauen und so nach und nach auch immer mehr Männer und ließen sich für viel Geld von ihm behandeln.

Es war sehr früh. Sie würde sich Zeit lassen. Ulrich schlief noch. Gestern Abend war es wieder spät geworden. Er hatte bei einer Charity-Veranstaltung, für die sie die Schirmherrschaft übernommen hatte, einen Vortrag über Schönheit gehalten. Antonia hatte ganz vorne in der ersten Reihe neben ihren Freundinnen Platz genommen, die auch alle von ihm behandelt worden waren. Allesamt hatten sie glatte Gesichter und mit dem gleichen Lächeln zwischen den gespannten, zurechtgezerrten Lippen gelauscht. Heute würde er erst gegen Mittag einen Termin haben. Er würde sie gegen elf auf der Terrasse zum Frühstück erwarten. Von fern sah man die Türmchen der Klinik, ein imposanter, verwinkelter Fachwerkbau, der durch eine lange Allee mit der Villa verbunden war. Die Baumreihen leuchteten so friedlich in der Morgensonne. Wie oft hatte sie dieses Tor durchschritten, war sie den Weg durch diesen Tunnel hinüber in die Klink gegangen, um mit schmerzender Haut, brennenden Narben im Gesicht, Wunden am ganzen Körper wieder zurückzukommen. Dieser helle Eingang, gefüllt mit Licht, verdunkelte sich immer mehr, wurde von Mal zu Mal zu einer gefährlichen Schwelle, die zu überschreiten anfänglich ganz leicht gewesen war. Mit jedem Gang hinüber und herüber drang unmerklich ein wenig Finsternis in sie ein und griff ihr ans Herz. Als sie es bemerkte, war sie nichts mehr als eine glatte Oberfläche, ein optimierter Datensatz, vermessen, digitalisiert und aufgelöst. Wie hatte es so weit kommen können? Antonia wandte sich vom Fenster ab und ging Richtung Schrankraum. Im Vorbeigehen zog sie eine Rose aus der Vase, die auf einem Tischchen in der Mitte des Zimmers stand, und begann die Blätter zu zerreiben. Sie fielen zu Boden und säumten ihren Weg. Heute war es also so weit. Sie war sich ihrer Sache ganz sicher. Kein Gefängnis konnte schrecklicher sein, als das ihres Körpers, dieser Haut, in die sie eingenäht war, die immer wieder aufgeschnitten und anders zusammengenäht worden war. Zum Zeichen der Trauer hatte sie alle Spiegel in ihrem Zimmer mit schwarzen Stoffen verhangen. Sie wurde bei lebendigem Leibe