Texte: Gerhard Ruiss, Musik: Christopher Just
Digitalalbum und CD, Monkey Music 2026
Zur Einstimmung
Handlungsarmut muss nicht heißen, es geht ereignisarm zu. Ganz im Gegenteil bedeutet es, es lenkt keine Handlung von den Ereignissen ab. Im Unterschied zu den typischen Selbstthematisierungen in einer klassischen Revue wie: Schlagersänger und Schlagersängerinnen singen Schlager und spielen Schlagersänger und Schlagersängerinnen, die Schlager singen, werden im Blauen Familienalbum keine Schlagerträume wahr, sondern kommen die blauen Familienverhältnisse und Angelegenheiten blauer Familientreffen zum Zug. Nicht der nach außen gerichtete, der nach innen gerichtete Blick zählt. Nicht das bereits Bekannte muss immer wieder neu, von vorne an mitbedacht und in den Vordergrund gestellt werden, das weit Zurückliegende muss zu einem neuen Anfang finden, damit es endlich in der Gegenwart ankommt, um in der Zukunft seine alles entscheidende Rolle spielen zu können.
Die Welt, wie sie gewesen ist
Die blaue Luft, blauer Dunst, blauer Rauch, das Blaue vom Himmel, der Blauäugigkeit und dem ungläubigen Staunen über die Welt der blauen Wunder sind keine Grenzen gesetzt. An ihren Ecken und Kanten hat man sich seine Hörner abgestoßen und seine ersten und letzten blauen Flecken geholt, in den blauen Stunden die empfindlichsten Seiten an sich entdeckt, mit dem Blaumachen seinen äußersten Unwillen bewiesen und ins Blaue hinein geredet, als würde alleine schon deshalb aus jedem Traum das Gewünschte zum Leben erwachen. Eine bis zum Stimmversagen fiepsende Sängerin und ein bis zum Stimmüberschlagen nach Ausdruck ringender Sänger versenken sich in den Kosmos der Bilder einer nie versiegenden Vergangenheit, bis ins Heute heraufreichenden Gegenwart und sich für nächste Generationen vorankündigenden Zukunft.
Nur ungetrübte Freude wird man am Blauen Familienalbum nicht haben können, das liegt am wenigsten am Album selbst, sondern daran, was es alles auslöst. Was ist los im Urfahraner Bierzelt, wenn sich keiner mehr in ihm aufhält? Was lässt sich mit einem Positivdomino, wenn alles aufgerichtet ist, das sonst liegen bleiben würde, bis es endlich steht und gleich wieder umfällt, wirklich erreichen? Wem verschlägt es nicht der Atem und versagt nicht die Stimme beim Östereuchern, mit wem soll man sich denn schon groß unterhalten wollen beim Wegbügeln am Waschtag in vertrauter Stille? Und, brandgefährlich, wie kommt man als Blauer Pilot, dem Boden bis zur Sturzgefahr nahe, ohne dass er für einen selbst eine Bedrohung darstellt? Man könnte sich einen Herbstschmaus gönnen, aber es kommt niemand und es liegt nichts auf den Tellern. Leider gibt es nicht einmal für das süßeste, zarteste Glück eine Bestandsgarantie, es kann sich nicht auf Dauer stärker erweisen, als alle anderen es verhindernden Einflüsse.
Das Blaue Familienalbum ist ein Album voller Aufnahmen und Erinnerungen an das Unvergessliche, das Unerschütterliche und das Unzertrennliche, wie es einmal war und wieder werden kann oder wie es gewesen und geblieben ist und weiter bestehen bleiben soll.
Die Welt, wie sie geworden ist
Das Ringen um die Anmut und Schönheit des Besungenen zahlt sich aus, es überleben die schönen Seiten. Das Blaue Familienalbum ist letztlich ein Album, das sich damit beschäftigt, was bleibt, wenn man sich eingehender mit dem Davor und dem Danach beschäftigt und nicht im Zwischendrin hängen bleibt. Im Blauen Familienalbum ist für Trauer oder Erschöpfung keine Zeit, es ist zu viel, das getan werden muss, das sonst liegen bleiben würde. Wäscheberge bügeln sich nicht von selbst, an gedeckten Tischen sitzen geht nicht von alleine. Das viele Bier, wohin damit, wenn es nicht wieder zurückgeschickt werden soll? Den gerechten Zaunschlaf des gerechten Zaun-Errichters kann niemand schlafen, der nicht ständig mit dem Zaunerrichten beschäftigt ist.
Es redet keiner schlecht über den anderen in den Liedern, niemand betet ohne jede Freude woran etwas zum tausendsten Mal herunter, es wird geschält, Schicht um Schicht, bis das Unausbleibliche, wenn alles Überflüssige weggelassen werden kann, zum Vorschein kommt. Das Blaue Familienalbum will viel, nur eines nicht, ratlos zurücklassen.
Niemand ist nur auf sich selbst gestellt beim leise bleiben sollenden Bügeln, keiner muss als Letzter im Urfahraner Bierzelt zurückbleiben oder die Last des Östereucherns ohne Hilfe schultern. Sie wird von allen mitgetragen, durch Zuspruch, Ermunterung oder Beistand. Das Blaue Familienalbum sagt mit jeder Fotoecke aus den Jahren seiner Zusammenstellung und seines Bestehens: Abhilfe ist nahe. In sich hineinhören, sich hineinversetzen und schon zeigt sich für jeden und jede in ausweglosen Situationen ein Ausweg: Alle wissen darüber Bescheid, und das ist immerhin ein Anfang.
In Abwesenheit der handelnden Personen
Die größte Attraktion des Blauen Familienalbums besteht aber nicht in all diesen oder vergleichbaren anderen Voraussetzungen, sondern in einem auf den ersten Blick gar nicht besonders Aufmerksamkeit erregenden Umstand, der weitestgehenden Abwesenheit seiner für das Geschehen verantwortlichen Hauptdarstellerinnen und Hauptdarsteller. Entweder treten sie überhaupt nicht in Erscheinung oder wenn, dann sind sie gerade nicht am Wort oder nur in größerer Entfernung noch wo zu erkennen. Kommt jemand selbst zum Reden, stellt sich wer selbst ins Zentrum, kann es sich höchstens um eine Nebendarstellerin oder einen Nebendarsteller handeln.
Da die Hauptdarstellerinnen und Hauptdarsteller wegen Abwesenheit oder aus Konzentrationsmängeln nichts selbst aus sich herausbringen, sind ihre Äußerungen und ihr damit einhergehendes Handeln notwendigerweise Interpretationen durch andere unterworfen. Das geschieht allerdings mit größter Befürwortung und Bejahung, eigentlich mit größter Bewunderung. Denn wer will schließlich nicht so leben, wie sie es vormachen? Wer will nicht über diese tiefen Einblicke in eine Welt verfügen, von der die meisten nicht mehr als die Kuh vor dem verschlossenen Tor verstehen? Und wer will schließlich nicht mit ihnen gemeinsam auf das einzig verbleibende mögliche Ziel zusteuern? Dass zu ist. Sogar sehr zu. Mehr zu, als es jemals zugegangen sein kann, als noch nicht alles zu war.
Was alles eine Rolle spielt und was nicht
Ja, aber, wird sich vielleicht einwenden lassen, handelt es sich hier nicht wie im Fall der sich nie selbst zu Wort meldenden Hauptperson der Handlung um reale Personen, die sich außerhalb des Blauen Familienalbums zu Wort melden könnten, um zu Wort zu kommen? Das ist möglich und würde vermutlich zu einem erweiterten Blauen Familienalbum führen, in dem dann auch die namentlich nicht in Erscheinung tretenden Familienmitglieder zumindest soweit namentlich in Erscheinung treten könnten, soweit sich ihre Rollen innerhalb des Geschehens als gefestigt herausstellen. Indizien dafür können nicht nur eine durchgehendere Anwesenheit auf Bildern sein, bei denen es hauptsächlich um andere geht, sondern auch, wer die Arbeit macht, die Fahnen schwingt, dem Bierzelt die Treue hält oder für wen, gleich nach dem wichtigsten Vornamen-Stimmenchor, ein zweiter Vornamen-Stimmenchor angestimmt wird. Wobei immer klar ist und klar bleiben muss, wer die unbestrittene Führungsrolle einnimmt. Insbesondere, wenn es jemand ist, der sich über viele Jahre in zahlreichen Probeläufen mit für andere geschriebenen Texten, denen er den Vortritt lassen musste, diese Rolle selbst auf den Leib geschrieben hat.
Nicht nur, was über einen so geredet wird, kann seine Vorzüge haben, auch die innere Stimme hat ihre, diejenige Stimme, mit der man sich selbst sagt, was zu tun und was das Richtige ist. Erst wenn das erledigt ist, ist Zufriedenheit angebracht. So etwas ist und bleibt jedoch bedauerlicherweise ein Sonntagsgefühl, weil es den Großteil der Tage anders ist. Wer aber an der Zukunft baut, hat gar keine andere Möglichkeit, als die Mehrzahl der Nicht-Sonntage und Nicht-Feiertage und Nicht-Feierstunden auf sich zu nehmen. Und nie ganz ausgeschlossen ist natürlich, es kommt zur schön gedeckten Tafel niemand mehr, weil diejenigen, die kommen sollten, an die Feierlaune verloren gegangen sind.
Im Zentrum der Aufmerksamkeit und an den Rändern
Es stehen im Blauen Familienalbum auffallend viele Männer im Vordergrund. Frauen kommen, mit einer Ausnahme, als Hauptpersonen der Handlung keine vor. Das Blaue Familienalbum spiegelt eine Führungsrollenansammlung wieder, bei der die Mitwirkung von Frauen an Handlungen von Männern in Führungspositionen zwar nicht ausgeschlossen ist, die Mitwirkung von Männern an Handlungen von Frauen in Führungspositionen in aller Regel aber schon. Betritt eine Frau in einer Führungsrolle die Szenerie kommt ihr daher automatisch die Funktion der Ausnahmefrau zu.
Und, wird sich angesichts dieser Konstellationen vielleicht jemand fragen, wo ist da der Fortschritt? Er ist größer, als es auf den ersten Blick danach aussieht. So befinden sich auf dem Staatwiedergründungsbild Österreichs von vor 70 Jahren 80, sogar noch etliche später dazu gemalte Männer, aber keine einzige Frau, und ist es nach wie vor für viele selbstverständlich, Frauen in gleichen Positionen für diejenigen, die den Kaffee kochen, zu halten. Eine Frau in einer Führungsfunktion wie die weibliche Hauptrolle im Blauen Familienalbum, für die ihr männlicher Wähler die höchsten aller Gefühle entwickelt, ist ein Schritt weit darüber hinaus.
Ist das alles aber dennoch nicht ein wenig zu klein gedacht, wenn es um den größeren Zusammenhang geht und sind denn nicht auch andere in dieser Richtung auf dem Weg, die sich ebenfalls Beachtung verdient hätten, sogar noch viel mehr, wenn es sich um Vertreter größter Länder der Erde und halber und ganzer Kontinente handelt? Ebenfalls Männer. Größere Männer. Ebenfalls Führungspersönlichkeiten. Größte und allergrößte Führungspersönlichkeiten. Im ständigen Wettbewerb um die allergrößte Größe. Sie kommen alle vor, öfter, als sich das diejenigen, die für sich ebenfalls Beachtung erwarten, wünschen würden, und das mitunter ganz direkt, wenn es zum Beispiel um einen Tauschhandel geht, immer aber im nie unerwähnt bleibenden Umfeld, im allgemeinen Klima, in der allgemeinen Aufbruchsstimmung und in der Festlegung der Absichten und Ziele. Und sollte vielleicht jemand der Auffassung sein, es wäre möglich, jemandem, der von sich das meiste hält, zu sagen, dass er das nicht tun sollte, den begleiten von dieser Stelle aus alle guten Wünsche zum Gelingen dieses Vorhabens.
Die eine blaue Welle da, die andere blaue Welle dort
An der Farbe liegt es nicht, sie steht einmal für das eine und die einen und ein anderes Mal für das andere und die anderen. Die blaue Welle in Österreich und Deutschland ist eine andere blaue Welle als die in Amerika. Auch rot als politische Farbe in den USA ist ein anderes politisches Rot als das in Europa. In den USA wäre ein Blaues Familienalbum ein Rotes Familienalbum und die Vereinigten Staaten wären eine andere Heimat als jeder Staat in Europa. Regiert Rot in den USA, kann man als Blauer in Österreich und Deutschland über die Roten an der Regierung in Amerika nicht schimpfen, regiert Blau in Amerika kann man sich als Blauer in Österreich und Deutschland nicht darüber freuen. Man kann auch nicht über andere schimpfen, die sich dafür einsetzen, etwas wieder groß zu machen – wie über die eine oder andere bedeutende Persönlichkeit, die weiß, dass ihr eigene Größe damit in enger Verbindung steht – und schon gar nicht, wenn sie sich zu einem unschuldigen Weiß auch noch blau und rot auf die Fahnen geheftet haben, wie die Partei Wladimir Putins, Einiges Russland.
Der Rausch, der nie wieder verfliegt
Insgesamt sieht es wohl so aus: Wie soll erst jemand einzelner wissen, wohin es mit der Welt geht, wenn es nicht einmal die Welt selbst weiß: Mehr in Richtung globale Entwicklung oder mehr in Richtung Regionalität? Es ist, wie mit und bei allem anderen auch, das eigene kann gar nicht weit genug gehen, alles sonst kann gar nicht stark genug eingeschränkt werden.
Es ist bestenfalls dem Anschein nach möglich, überall zugleich zu sein, zugleich wo zu leben, zugleich alles zu schaffen, alles zugleich zu haben und es allen zugleich recht zu machen. Letzten Endes ist etwas immer nur an Ort und Stelle möglich und sind es nie alle, auf deren Seite man sich stellen und die jemand auf seiner Seite haben kann. Hinzu kommt, dass eine Entwicklung in einer solchen Dimension wahrscheinlich nie als abgeschlossen zu betrachten ist, und auf gar keinen Fall, wenn sie sich erst im Aufbau befindet. Es ist zu früh für Burgenbauer, sich zurückzulehnen und das weitere Geschehen abzuwarten. Und erst recht, wenn es um Zäune geht, die ständig vom Umfallen bedroht sind, wieder aufgerichtet werden müssen, durchlöchert werden und schließlich doch keine Mauern ersetzen können.
Überraschenderweise ist es nicht das Publikum, das sich nach noch mehr von etwas sehnt, dazu ist es längst zu erschöpft, es sind die handelnden Personen, die ihrem Publikum immer weiter alles abverlangen: eine noch stärkere Unzufriedenheit, noch größere Aufregungen, eine noch aufgewühltere Erregtheit, obwohl bereits überall Abgestumpftheit, Gleichgültigkeit, Überdrüssigkeit und Ermüdungen bis zur Apathie vorherrschen. Auch wenn, was auszuschließen ist, das Publikum sich weigern würde, in zusätzliche Begeisterungsstürme auszubrechen, es wird bei der Begeisterungsstange gehalten. Sie alle sind zusammengekommen, um einen Rausch zu erleben, der keine Grenzen und Ernüchterung kennt. Trotzdem folgt ein nächster Tag. Aber nur, um sich von Neuem in diesen Rausch zu stürzen, der kein Ende mehr nehmen soll.