Das Fensterrahmenwunder

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Jahrhunderte sind für Museen keine Zeit. Auch für Wunder nicht. Sollen sie zusammengeführt werden, was vor Ort nie neutral möglich ist, weil schließlich alle weiter miteinander auskommen müssen, weil die einen nicht daran glauben und die anderen sich nicht ständig ihre Sünden aus der Vergangenheit vorwerfen können, dann ist ein anderer, neutraler Platz notwendig, und dann ist dieser andere, neutrale Platz hier. Niemand will an Orten unbewältigter, vielleicht nicht einmal zugelassener Konflikte alte Wunden aufreißen, dass es sie gegeben haben muss, davon zeugen aber, ohne dass es von wem ausgesprochen werden müsste, die baulichen Zeugen von einst. Eine mehr oder weniger mit einem Rathaus überbaute Kapelle auf einem Hauptplatz zählt zweifellos dazu. Auch wenn als Grund für den Nichtausbau der Kapelle dessen Unfinanzierbarkeit genannt wurde, wie war es dann möglich, Geld für ein Rathaus zu haben, aber nicht für eine Kirche an ihrem angestammten Platz im Zentrum? Und das über eine sehr lange Zeit, in der dafür Geld gesammelt und auch das Geld eines sehr aufwendig begonnenen Kirchenbaus außerhalb der Stadtmauern dafür herangezogen hätte werden können. Es war und blieb aber so: So wie anderswo neue Kirchen alte bedeutende Plätze besetzten, besetzte das Rathaus den Platz der Kirche, schlimmer noch, es machte die nichtgebaute Kirche zu einer in das Rathaus integrierten Kapelle.

Es wollte und konnte lange Zeit keiner glauben, schließlich mussten aber selbst die größten Zweifler einsehen, dass der in seiner ursprünglichen Farbe in seiner historischen Zusammensetzung an den Fensterrahmen und Fensterbrettern des Rathauses wiederhergestellte nie trocknende Lack mehr als nur eine für heutige Verhältnisse unbrauchbare Lösung war. So oft man den Verputz auch reinigte, von den Fenstern des Rathauses lief die Farbe weiter in dünnen roten Fäden die Rathauswände hinunter. Es war die späte Quittung dafür, dass kein überdimensionaler Kirchturm das Zentrum des Ortes bestimmen sollte, sondern der eines Rathauses, das sich bemühte, wie der Turm einer Kirche, sogar, wie der eines Doms auszusehen und sich zudem noch der zum Rathausturm zugehehörige Anbau anschickte, einem Kirchschiff gleichen zu wollen. Und was noch viel verwunderlicher daran war, die Farbe an den Fensterrahmen und Fensterbretter verblasste nicht, die Fensterrahmen und Fensterbretter sahen weiter wie frisch gestrichen aus.

Im Ort selbst behalf man sich nach mehrmaligen vergeblichen Versuchen, dem Problem auf eine andere Weise beizukommen, mit Verzicht auf den Denkmalschutz und auf die historisch wieder hergestellte Lackierung und beschloss, einen dicken, nicht-löslichen Lack aufzutragen, der nur noch absplittern oder mit Lötlampen abgebrannt konnte. Außerhalb des Ortes blieb die von den Fensterrahmen und dem Fensterbett auf die Fassade herunterrinnende Farbe als Fensterrahmenwunder erhalten, das im Ort niemand brauchen konnte und auch niemand anderswo, weil niemand dafür heilig gesprochen werden konnte.

Allerdings gab es auch Stimmen, die den nie trocknenden, bei jedem weiteren Regen über den Verputz rinnenden Lack für eine Attraktion hielten und beibehalten wollten, da war es aber für eine Wiederherstellung des Fensterrahmenwunders bereits zu spät. Nur Fotodokumente erinnern noch daran.