Der Mann, der verblasste

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„Was für ein schöner Tag“, befand der Mann, der sich in seinem Bett streckte, hin zu seiner Frau, die schon lange wach war und durchs Zimmer eilte. Ohne jede Reaktion von ihr. Anstatt sich ihm liebevoll zuzuwenden, wie sie es jeden Tag tat, setzte sie ihren Weg fort, als würde es ihn nicht geben. Sie wollte ihn selbst dann nicht bemerken, als er es viel lauter ein zweites Mal wiederholte. Sie wollte ihn nicht einmal bemerken, als er aus dem Bett sprang, sich ihr in den Weg stellte und den Satz, mit dem er jeden Morgen aufwachte, ihr mitten ins Gesicht sagte. Sie tat so, als würde sie auf etwas Unangenehmes treffen, steckte ihre Nase in alle Himmelsrichtungen und atmete ein paar Mal kurz und dann lang und tief ein, um zu riechen, ob es nach etwas schlecht Riechendem roch und öffnete danach kopfschüttelnd das Fenster. Sie sah ihn nicht, sie sah ihn einfach nicht.

Er rannte zum Spiegel und sah sich selber nicht, er sah nicht das Geringste von sich. Kein Gesicht, keine Haare auf seinem Kopf, keinen Hals, keine Hände und keine Füße. Nicht einmal von seinem Pyjama war mehr etwas zu sehen. Vielleicht wäre von seinem Hinterkopf etwas zu sehen gewesen, aber von hinten sah er sich nicht.

Er wusste schon länger, dass er allmählich verblasste, da und dort an einer Stelle, aber das hieß noch lange nicht, dass ihn das zum Verschwinden brachte. Seine Füße steckten weiter in seinen Schuhen. Auch wenn seine Füße nicht mehr zu sehen waren, seine Schuhe und die Socken, die er darüber anhatte, blieben sichtbar. Mit Socken schlief er seit Jahr und Tag und seinen Kopf behielt er selbst dann, wenn er ihn lieber verloren hätte. An den Händen trug er transparent fleischfarbene Handschuhe, und sein weicher, teigiger Händedruck war, solange er zurückdenken konnte, nie besonders fest.

Begonnen hatte es damit, dass auf einmal ein Bein von ihm vom Unterschenkel abwärts unter seiner Hose verschwand, worauf er erst aufmerksam wurde, als das dazugehörige Hosenbein samt der Socke und dem Schuh ebenfalls verblasste. Für ihn waren sie weiter da, aber zu sehen waren sie nicht mehr. Das ließ sich aber leicht korrigieren, die Hose wechseln, die Socken und ein neues paar Schuhe, und nichts mehr war davon zu bemerken. Nach und nach verblassten auch andere Körperteile, aber mit jedem Umziehen blieb alles weiter da, für ihn sowieso, aber genauso