Tatsachenverluste, Taschenverluste und Verluste anderer körpernaher Gegenstände

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In „Es vergeht kein Tag“ geht nichts verloren. Ist etwas vielleicht vorübergehend nicht zur Hand, kann es mühelos überbrückt, ersetzt und wiedergefunden werden. „Meist“ deshalb, weil es auch in „Es vergeht kein Tag“ das weltweit auftretende, nicht erklärbare Phänomen verschwundener zweiter Socken, Handschuhe oder Ohrringe gibt, die nicht wieder auftauchen, egal, wie oft man danach sucht und wie lange man darauf wartet, dass sie wieder zum Vorschein kommen. Überbrücken muss man ihren Verlust nicht, man hat weitere und kann auch zwei verschiedene tragen. Für alles andere gilt: Es gibt Fundstellen, an denen etwas verloren, verlegt oder vergessen wurde und an denen es wiederzufinden oder gefunden wird, und es gibt eine Fundstelle, bei der es abgegeben werden kann und in der es liegt, bis es von jemandem abgeholt wird.

Bei jemandem aus in „Es vergeht kein Tag“ wird das nicht der Fall sein, aber bei Besuchen von außerhalb ist nicht auszuschließen, dass etwas gar nicht verloren ging, sondern zurückgelassen wurde, um sich seiner bequem zu entledigen, wie zum Beispiel einer Handtasche, vollgestopft mit abgelaufenen Medikamenten, eingetrockneten Schminksachen, kaputt gegangenen Haarspangen und anderen unbrauchbar gewordenen Handtaschengegenständen. Eine solche Handtasche kann nicht wirklich jemand wo verloren, vergessen oder verlegt haben und sie wird daher auch nicht abgeholt werden. Das gilt genauso für Ausweise, die Bilder enthalten, auf denen diejenigen, die sie wiederhaben wollen könnten, nicht mehr wiederzuerkennen sind, Verlorengegangenes, von dem man gar nicht weiß, dass es verloren ging oder etwas, das gar nicht mehr wiedergefunden werden kann, weil es zu klein dazu ist und zu schnell von allem möglichen zugedeckt wird und zu verschmutzt ist, um wiedergefunden werden zu können. Was nicht abgeholt wird, kommt in den unmittelbar an die Fundstelle angeschlossenen Recyclinghof, wo aus den alten Ausweiskarten wieder neue gemacht werden und sogar ganze Handtaschen.

Gesichert ist beim Verlegen, Vergessen oder Verlieren von am Körper getragenen Gegenständen nur, wenn beim Griff nach der Brille oder der Handtasche die Handtasche oder Brille nicht mehr da ist, dann hat man sie irgendwo liegengelassen. Mit Wertgegenständen wäre das ein wenig komplizierter, aber wer trägt schon Wertgegenstände mit sich herum? Diebstähle sind in „Es vergeht kein Tag“ ausgeschlossen, sollten sie vorkommen, können sie nicht festgestellt werden, weil es keine Einrichtung dafür gibt, sie fallen dann genauso unter Verlorenes, Vergessenes und Verlegtes wie wirklich Verlorenes, Vergessenes und Verlegtes. Ersetzt werden kann es nicht. Das wird es aber auch woanders nicht, es wird nur jemand dafür bestraft.

Weltweit einzigartig ist die Möglichkeit, sich mit Tatsachenverlusten an die Fundstelle zu wenden, wenn man etwas geglaubt hat, das dann nicht so ist. Dasselbe gilt für noch frische Erinnerungen. Jeder einzelne Vorgang wird sorgfältig dokumentiert, jeder einzelne dokumentierte Vorgang wird zum Bestandteil der noch nicht geschriebenen Ortschronik.

Unverzichtbar zu ihrer Erstellung sind Verlustgegenstände, die den Bestand an persönlichen Gebrauchsgegenständen dokumentieren. Ein Teil der für den Ort, die Umgebung und diejenigen, die hier leben, und diejenigen, die hierher zu Besuch kommen, besonders charakteristisch angesehenen Verlustgegenstände findet daher nicht den Weg in den angeschlossenen Recyclinghof und bleibt auch nicht nur detailliert dokumentiert erhalten, sondern wird zurückgelegt für einen bei späterer passender Gelegenheit neu angelegten, der Fundstelle und dem Recyclinghof angeschlossenen Museumsbau.

Für Helene und Roland Zust